Wertschätzung & Anerkennung – Ist keine Kritik schon Lob genug?

Zumindest im Internet ist unsere Welt voll von Wertschätzung und Anerkennung, ist dort doch mehr als nur oft zu lesen:

«Wenn es um unsere wertvollen Kunden geht, kennen wir keine Grenzen» – «Mit Faszination und Engagement entwickeln wir zusammen mit unseren hoch geschätzten Kunden anspruchsvolle Projekte»…

«Unsere Mitarbeitenden sind der Schlüssel zu unserem Erfolg!» – «Unser Erfolg beruht auf dem Fachwissen und dem Engagement unserer Mitarbeitenden. Deshalb sorgen wir für ein Umfeld, das für alle gute Perspektiven bietet und sie befähigt, ihr Bestes zu geben.» – «Wir sind nur so gut, wie unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Deshalb sind sie unser höchstes Gut»…

«Mitreden, mitentscheiden, unsere Mitglieder sind im Vorteil» – «Als Mitglied unseres Vereins gestalten Sie das Gemeinde- und Sozialleben in unserem Dorf aktiv mit»…

Also alles gut und Entwarnung an allen Fronten? – Im persönlichen Gespräch mit Freunden, Verwandten, Kollegen und Fremden tönt es leider allzu häufig komplett anders. Der Verdacht könnte aufkommen, dass Wertschätzung und Anerkennung trotz anderslautender Beteuerungen knappe Ressourcen sind!

Was sind Wertschätzung und Anerkennung überhaupt?

Mit dem guten alten Duden lassen sich diese beiden einander ähnelnden Begriffe (eigentlich) einfach erklären.

Und unter «Wertschätzung» führt Duden unter anderen folgende Synonyme auf:

  • Achtung, Anerkennung, Bewunderung, Ehrfurcht, Hochachtung, Hochschätzung, Liebe, Respekt, Verehrung, Anerkenntnis, Ehrerbietung, Reverenz, Ästimation, Schätzung, Distinktion, Autorität, Bedeutung, Ehre, Einfluss, Geltung, Gewicht, Image, Ruf, Nimbus, Prestige, Renommee, Reputation

Zum Suchbegriff «Anerkennung» finden sich folgende Synonyme:

  • Achtung, Ansehen, Auszeichnung, Beifall, Belobigung, Belohnung, Bewunderung, Ehre, Glanz und Gloria, Hervorhebung, Hochachtung, Honorierung, Lob, Respekt, Würdigung, Anerkenntnis, Ehrerbietung, Wertschätzung, Ästimation
  • Akzeptanz, Annahme, Befürwortung, Beipflichtung, Beistimmung, Bejahung, Berücksichtigung, Einverständnis, Einwilligung, Gutheissung, Verständnis, Zubilligung, Zustimmung

Eben doch: Alles ist gut! Selbstverständlich geben wir unseren Mitmenschen genau das, was uns Duden alles so schön vorschlägt und noch viel mehr! – Nur, wie die Realität beweist, geht «das» mit der Wertschätzung und Anerkennung dann doch nicht jedem so leicht von den Lippen. Manch einer sagt sich aus Bequemlichkeit gar «Keine Kritik ist Lob genug!» oder «Ich bekomme ja auch keine Wertschätzung oder Anerkennung, weshalb soll ich dann?»

Über Wertschätzung spricht man allenthalben. Leider wird Wertschätzung oft auf die Anerkennung von Leistung reduziert. Dies ist aber nur ein kleiner Aspekt von Wertschätzung, denn es geht um den Menschen, der die Leistung erbracht hat und nicht um den Profit, der aus seiner Leistung entsteht.

Wikipedia definiert Wertschätzung wie folgt:

Wertschätzung bezeichnet die positive Bewertung eines anderen Menschen. Sie gründet auf einer inneren allgemeinen Haltung anderen gegenüber. Wertschätzung betrifft einen Menschen als Ganzes, sein Wesen. Sie ist eher unabhängig von Taten oder Leistung, auch wenn solche die subjektive Einschätzung über eine Person und damit die Wertschätzung beeinflussen.

Wertschätzung ist verbunden mit Respekt, Wohlwollen und drückt sich aus in Zugewandtheit, Interesse, Aufmerksamkeit und Freundlichkeit. «Er erfreute sich allgemein hoher Wertschätzung» meint umgangssprachlich: Er ist geachtet / respektiert. Es gibt eine Korrelation zwischen Wertschätzung und Selbstwert: Menschen mit hohem Selbstwert haben öfter eine wertschätzende Haltung anderen gegenüber, werden öfter von anderen wertgeschätzt, wohingegen Personen, die zum aktiven Mobbing neigen, häufig ein eher geringes Selbstvertrauen damit kompensieren.

Empfangene und gegebene Wertschätzung vergrössern das Selbstwertgefühl sowohl beim Empfänger als auch beim Geber. Wertgeschätzte Personen sind, wenn sie ein offenes Wesen haben und kontaktfreudig sind, oft auch beliebt.

Genau diese Anforderungen an die menschlichen Qualitäten machen es also für viele schwer, anderen Wertschätzung entgegenzubringen. Echte Wertschätzung bezieht sich immer auf den Menschen, seine Persönlichkeit und Einzigartigkeit.

Wir wollen, für das, was wir sind, machen und leisten, gesehen und anerkannt werden. Ehrliche Wertschätzung setzt Kräfte frei und wirkt motivierend. Blosse Lippenbekenntnisse, Lob nach dem Giesskannenprinzip, weil es halt im Lehrbuch im Kapitel «Motivation» so empfohlen wird, bewirkt das genaue Gegenteil. Wollen wir unseren Mitmenschen echte Wertschätzung entgegenbringen, müssen wir umdenken.

Wenn es uns nicht mehr darum geht, die Person zu bewerten (da kann es sein, dass Schritt zum «abwerten» nicht weit ist), sondern sie bewusst wertzuschätzen, gelingt es uns einfacher, die Würde und das «Menschsein» des anderen respektieren, ihn also als die Person, die er ist anzuerkennen.

Der Aufwand lohnt sich! Wer wahre Wertschätzung vermittelt und lebt, verbessert langfristig die Atmosphäre spürbar und wird mit erwiderter Wertschätzung und Anerkennung belohnt.

Wie funktioniert jetzt also, dieses «Wertschätzen»?

Fragen Sie sich doch zuerst einmal selber: «Was tut mir gut?» «Was tun Menschen, von denen ich mich wertgeschätzt fühle?» «Was wünsche ich mir, was andere in und an mir sehen?» – Eben, ist doch gar nicht so schwierig! Alles, was von Herzen kommt, kommt auch beim Gegenüber richtig an!

Und wenn Sie jetzt schon Ihr persönliches Grundrezept zusammengestellt haben, könnten Sie es ja auch noch mit folgenden Zutaten abrunden:

  • einen anerkennenden Blick auf Augenhöhe,
  • aktiv und interessiert Zu- und Hinhören,
  • eine neugierige Rückfrage stellen,
  • ein ehrliches Dankeschön, auch wenn die Unterstützung ursprünglich vielleicht auch gar nicht freiwillig geboten wurde,
  • eine Bitte um einen Rat.

… wenn Sie das Ganze nun noch mit einem freundlichen Lächeln anreichern, gelingen die ersten Schritte im bewussten Wertschätzen wie von selbst! Auch die kleinste Veränderung in Ihrer Begegnung und der (nonverbalen) Kommunikation vermitteln Ihrem Vis-à-Vis Wertschätzung und wird wahrgenommen.

Grundsteine von Wertschätzung und Anerkennung

Beachten Sie, dass Wertschätzung immer individuell ist. Es gibt kein Patentrezept, aber einige Tipps, wie Wertschätzung und Anerkennung gut beim Empfänger ankommen:

  • Wenn es nicht Ihr Ding ist, «Süssholz zu raspeln», dann lassen Sie es bitte sein. Seien sie authentisch. Ein von Herzen kommendes und spontanes «Merci» mit einem Lächeln im Gesicht ist ein Schritt in die richtige Richtung. Der Empfänger spürt, dass er damit ganz persönlich gemeint ist.
  • Übertreiben Sie nicht, generalisieren Sie nicht und spielen Sie auch nichts herunter. Je spezifischer Sie loben, desto besser kommt die gezollte Anerkennung beim Empfänger an. Allgemeine Aussagen wie «Du bist grossartig» machen dem Empfänger des Lobs viel weniger Eindruck, als wenn Sie eine Leistung würdigen.
  • Emotionen sind erwünscht! Lassen Sie Ihr Gegenüber spüren, dass Sie sich über seine / ihre Leistung, Art oder was auch immer freuen. Achten Sie darauf, dass Sie dabei nicht gönnerhaft wirken.
  • Verzichten Sie auf das unselige Wort «aber»! Jedes Kompliment, jede Anerkennung und jede Wertschätzung verliert damit umgehend an Wert. Das Wort «aber» wirkt wie ein Fleck auf einer frisch gestrichenen Wand oder eine Delle in der Türe des neuen Autos.
  • Drücken Sie Ihre Wertschätzung aus. Stillschweigen funktioniert nicht! Anerkennung muss ausgesprochen, ausgedrückt und vermittelt werden. Wer meint, das Gegenüber wüsste von selber, dass es wertgeschätzt wird, ist auf dem Holzweg. Menschen wollen Anerkennung hören, sehen und fühlen, nicht bloss vermuten.
  • Fassen Sie Ihre positiven Wahrnehmungen, was Sie beobachtet haben und welche Bedeutung das für Sie hat, in Worte. Nehmen Sie sich dafür Zeit. – Natürlich nicht damit, bis Sie Zeit, Lust und Laune dazu haben, ein Kompliment zu machen. Je umgehender Sie positiv reagieren umso motivierender wirkt Ihre Reaktion. Nehmen Sie sich hingegen viel Zeit, das sich aus dem Kompliment entwickelnde Gespräch zu geniessen! Ein Kompliment «zwischen Tür und Angel» wirkt abwertend und hohl. Zeit für ein wertschätzendes Gespräch bewirkt Wunder, beim «Sender» und beim «Empfänger»!
  • Fragen Sie um Rat! Niemand kann dem Kompliment widerstehen, wegen seines Könnens und Wissens um Rat gebeten zu werden. … und wer weiss? Es könnte Ihnen durchaus passieren, dass Sie so auf noch unbekannte Schätze stossen!
  • Haben Sie Vertrauen! Seien Sie mutig und schenken Sie Ihren Mitmenschen Vertrauen. Vertrauen ist Ausdruck höchster Wertschätzung und wirkt enorm motivierend. – Haben Sie schon einmal vom Pygmalioneffekt gehört? Machen Sie ihn sich zunutze und lesen Sie hierzu auch den online Artikel unter www.focus.de.

In diesem Sinne: Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie bis zu diesen Zeilen durchgehalten haben und ich freue mich sehr darauf, mich mit Ihnen über Ihre Erfahrungen und Gedanken zu Wertschätzung und Anerkennung auszutauschen!

2 Gedanken zu “Wertschätzung & Anerkennung – Ist keine Kritik schon Lob genug?

  1. Ich finde, die Sache ist ein bisschen janusköpfig, wenn man es richtig macht, kann auch keine Kritik wie eine Art Mobbing gesehen werden, sozusagen aktives Ignorieren. Hatte da mal einen Fall bei einer Kollegin, die deswegen zum Mobbing Anwalt gegangen ist, weil sie praktisch Luft war.

    1. Liebe Theresa

      Wertschätzung und Anerkennung haben für mich nichts mit wegschauen und ignorieren zu tun. Wenn etwas nicht in Ordnung ist, dann soll, muss und darf dies angesprochen werden. Wichtig ist dabei aber, dass sich die Kritik auf die Sache und nicht auf die Person bezieht und dass sie in einer korrekten Art und Weise ausgedrückt wird. Konstruktive Kritik kann auch eine Form von Wertschätzung sein, denn ich nehme mir die Zeit und mache mir die Mühe, das, was für mich nicht stimmt, in Worte zu fassen und mich mit meinem Vis-à-Vis auseinander zu setzen. Wegschauen, weil man im besten Fall bequem oder im schlimmsten einfach nur feige ist, bringt niemanden weiter. Das Resultat wäre, dass ich mich weiterhin ärgere und – wie im Fall der erwähnten Kollegin – die kritisierte Person sich nicht ernstgenommen, ignoriert oder im schlimmsten Fall gar gemobbt fühlt.

      Grundkenntnisse in gewaltfreier Kommunikation sind im Umgang mit schwierigen Situationen hilfreich. «Gewaltfrei» meint, dass frei von Vorwürfen und Interpretationen kommuniziert wird. Wie die Franzosen so schön sagen: «C’est le ton qui fait la musique»!

      Viele Grüsse, Christina

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